Ist Handschrift Ausdruck der Persönlichkeit?

„Hinter diesen Hügeln werden Drachen sein!“ glaubten Forscher vor vielen hundert Jahren, wenn sie an unbekannte Grenze stießen. Das ist lange her und an Drachen glauben nur noch Kinder.

Halt – einer hat überlebt: Auf dem Gebiet des Schreibens, da treibt der Drache „Persönlichkeit“ immer noch sein Unwesen. Scheinbar stirbt er niemals aus. Oder ist es nur ein „weißer Fleck“ auf der Landkarte westlicher Schreibkultur? Ich erlebe jedes Mal dasselbe Theater, wenn ich auf die Frage: „Was machen Sie beruflich?“ antworte: „Ich befasse mich mit Handschrift“: Wie auf ein geheimes Zeichen hin verschwinden plötzlich alle herumliegenden handschriftlichen Notizen zwischen Aktendeckeln, werden in Jackentaschen versenkt oder lösen sich sonst wie in Luft auf. Diese Hektik amüsiert mich natürlich, aber sie erschreckt mich auch. Was denken die Leute? Dass die Zettel ihren Charakter verraten? Oder ist ihnen ihre Handschrift peinlich? Vielleicht beides. Eines aber ist unübersehbar: Sie sind zutiefst verunsichert.

Der Drache „Persönlichkeit“ geistert also auch im 21. Jahrhundert noch in der Vorstellung aufgeklärten Menschen herum? Wie kann das sein? Wie kommt es, dass die Allgemeinheit eine Redensart akzeptiert und sie sogar als „Allgemeinwissen“ anerkennt? Ist es nur Unwissenheit und nicht aufgeklärt sein, oder steckt noch etwas anderes dahinter?

Der Aussage eines Grafologen zufolge ist Handschrift das „Röntgenbild der Seele“[1] Diese Ansicht teilen vielleicht nicht alle Schriftdeuter. Doch sie gibt uns ein Gefühl dafür, wie „übergriffig“ die Grafologie sich geriert. Das gefällt mir nicht. Darum schauen wir jetzt einmal etwas genauer hin „Röntgenbild der Seele“ klingt nach „Ich kann in deine Seele sehen, ich sehe deine Eigenschaften, ich erkenne deine Persönlichkeit, ich weiß‘ was mit dir los ist, wer du bist. Ich weiß mehr über dich als du selbst“. Das geht unter die Haut.

Es kommt hinzu, dass der Verunsicherungsfaktor solcher Aussagen sehr hoch ist, weil kaum jemand weiß, was Persönlichkeit tatsächlich ist und was Seele sein soll. Und weil sich auch niemand mit Handschrift auskennt, ist das Glaubwürdigkeitsrisiko für Grafologen sehr gering, das Gegenteil der Analyse lässt sich ja nicht beweisen. Handschrift entsteht durch spontane Bewegungen, die weder kalkulierbar, noch analysefähig sind. Es sind emotionale Reaktionen die sich nicht voraussagen lassen, weil sie intuitiv ablaufen, sie bilden folglich auch keine feststehende oder unveränderbare Größe. Das einzig Zuverlässige an der Charakterlichkeit des Menschen ist seine Unberechenbarkeit, seine Spontaneität, seine unergründliche Wandelbarkeit. Kein zuverlässiger Mensch ist immer zu verlässig und kein Pionier ist durchgehen mutig. Gefühlsbetonte Handlungen kann man nicht als „vorhanden“ und „immerwährend“ bezeichnen oder sie sogar als „zuverlässig kommende“ Impulse erwarten, denn sie sind so launenhaft wie die Stimmungen der Mensch. Ausdruck und Eindruck sind subjektive Empfindung, und keine Voraussetzung für belastbare Charakter-Studien. Darüber hinaus: Handgeschriebenes ist der Abdruck einer unterbrochenen und erstarrten inneren Bewegung, so, als hätte man aus einem permanent laufenden Film durch Drücken der Stopptaste ein „Standbild“ sichtbar gemacht. Eine handgeschriebene Zeile ist zu bewerten wie ein Screenshot oder wie gefrorener Atem an der Fensterscheibe. Geschriebenes hält nur einen einzigen, nanokurzen Moment des Lebens fest, ist also bereits im Entstehungsprozes grafologisch wertlos, weil der Schreibende nie wieder so schreiben wird wie zuvor. Ließe sich auch der Augen-Ausdruck als feststehendes Charaktermerkmal akzeptieren oder lässt sich vom Klang der Stimme auf den Charakter des Menschen schließen? Wohl eher nicht. Die natürliche Schreibweise läßt keinen Blick in die Zukunft zu und ist kein geeignetes Mittel für vergangenheitsorientierte Psychoanalyse. Der Ausdruck der Handschrift ist zwar greifbarer als Augen-, Stimme- und Körpersprachen-Ausdruck, aber deshalb nicht weniger flüchtig. Es gibt ihn kein zweites Mal.

Denn: Entwicklung und Ausprägung der Handschrift ist ein lebenslanger Prozess, der erst mit dem Tod des Schreibenden endet. Darüber setzen Grafologen sich hinweg, wenn  sie so tun, als sei die Schreibbewegung unvergänglich und für alle Zeit festgeschrieben.

Wie abwegig das ist, können Sie selbst ausprobieren: Schreiben Sie morgens vorm Zähneputzen, mittags nach dem Essen, schreiben Sie abends beim Fernsehen und sonntags bei der Sportschau nachdem ein Torgefallen ist, schreiben Sie wenn Sie wütend sind und schreiben Sie wenn Sie sich langweilen, schreiben Sie beim Telefonieren (beachten Sie, mit wem sie sprechen), wählen Sie unterschiedliche Schreibgeräte, schreiben Sie Ihre Postkarten-Schrift, und kritzeln Sie wie auf dem Einkaufzettel, vergleichen Sie alles miteinander, und analysieren Sie anschließend Ihre Persönlichkeit via Internet. Die Online-Do-it-yourself-Charakter-Bestimmung zeigt nicht nur, dass Grafologen die Handschrift als ein leb- und ausdrucksloses Muster benutzen, sie macht auch die Respektlosigkeit deutlich die grafologischem Denken gelegentlich zugrunde liegt.

Neuerdings empfehlen einige Handschrift-Deuter die prophylaktische Selbstanalyse der eigenen Handschrift, um „Ungünstiges“ auszumerzen bevor sie offiziell begutachtet wird. Dieser (wahrscheinlich gut gemeinte) Rat funktioniert wie ein Selbstwertauslöscher:Denn wer seine Handschrift verfälscht, hat keine mehr. Hinzu kommt, dass er auch gleich noch einen wesentlichen Teil seiner Identität opfert. Das mag im Zeitalter globaler Standardisierung erstrebenswert scheinen. Aber so lange es selbstständig denkende Menschen gibt, wird es jedem selbst überlassen bleiben, seine eigene Schreibweise und die anderer zu mögen, zu akzeptieren oder abzulehnen. Jedermann kann schreibend verrückt spielen oder seine Schrift harmonisch und leicht, oder schwer schleppend aus der Feder fließen lassen. Aber immer, so lange er atmet, wird er seine eigenen Buchstaben haben und schreiben wie kein anderer: ausdrucksvoll und beeindruckend. Mir ist leider kein Graphologe und auch keine Grafologin bekannt, der oder die etwas dazu beigetragen hätte, das Gefühl der Bedrohung zu beseitigen, das die Schriftdeuterei umgibt. Es scheint, als sei die Furcht verbreitende Aura und wahrsagerische Geheimnistuerei, die bei Betroffenen Drangsal und Panik auslösen kann, fester Bestandteil, wenn nicht gar Voraussetzung grafologischer Arbeit. Ist die Qual des Probanden, sein handschriftlich Ausgeliefertsein vielleicht das, was Schriftdeuter antreibt, weil es ein so hohes Machtpotential hat? Laut eigener Aussage „bestimmen“ Graphologen anhand der Handschrift die Charakter-Merkmale des Menschen. Das heißt, sie glauben, aus dem Aussehen des fertigen Schriftbildes Schlüsse ziehen zu können, die die „Persönlichkeit“ des Schreibenden ausmachen (soll). Man kann graphologische Diagnosen“ annehmen oder nicht, man kann sich darin wiederfinden oder nicht. Jedenfalls stellen Graphologen Aussagen in den Raum, die geeignet sind, zur Triebfeder gesteigerter Diskriminierung der Handschrift zu werden, zum Beispiel wenn es heißt: „Eine kleine Schrift stammt von einem Menschen mit geringem Selbstbewusstsein“ oder: „Schrift mit ausgeprägten Ober- und Unterlängen weist auf einen starken Geltungsdrang (Selbstüberschätzung) hin.“ Solche Aussagen verunsichern.

Allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz: Handschriften-Deutung ist keine anerkannte Wissenschaft. Auch sind graphologische Interpretationen der Handschrift meines Erachtens nicht geeignet, bei Personalentscheidungen mitzuwirken. Obwohl hier und dort noch angewandt, verliert die Grafologie im Zeitalter Der Neurobiologie und wissenschaftlicher Persönlichkeitsforschung mehr und mehr an Bedeutung.

Auf Managerebene gibt es seit Jahren die Tendenz, die Handschrift-Wertschätzung der sion-japanischen Schreibkultur zu übernehmen, wo die anspruchsvolle Handschrift traditionell als Zeichen hoher Bildung gilt. Hier fließt das Aussehen der Handschrift mit in die Würdigung der Person ein, weil sie Aufschluss gibt, über das kulturelle Bewußtsein und den Bildungsgrad des Menschen. Da ist es dann natürlich von Bedeutung, ob die Schreibweise kultiviert ist oder „pubertär“ wirkt.

Mit zweifelhafter Charakter-Analyse – wie wir sie kennen – wird das nicht in Verbindung gebracht. Auch kalligrafische Uniformität und „Schönschreiben“ ist dort nicht gefragt . Denn mit braver „Schönschrift“ würde sich jeder Manager lächerlich machen. Das zeigt, wie wichtig es ist, schon in der Schule mit der Ausbildung einer starken, individuellen Schreibtechnik zu beginnen, ganz gleich, welcher Kultur man angehört. Ob ein Charakter gut oder schlecht ist, ist nicht festzulegen, weil es dafür nur „gefühlte“ Bewertungen, aber keine wissenschaftlich fundierte Werteskala gibt.

Demzufolge kann Handschriftliches nicht Ausdruck der Persönlichkeit sein. Man kann den Charakter der Handschrift nur subjektiv empfinden und ihn für schön oder unschön halten. Aber ob sich das auch auf den Charakter des Schreibenden übertragen lässt, mag jeder selbst entscheiden.

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