Seltsamerweise werden die Augen beim Schreiben immer übersehen.

Ich meine, alle schauen auf die Hände, keiner auf die Augen. Dabei spielt die Hand beim Schreiben nur eine kleine Nebenrolle. Sie hat keine Befehlsgewalt, sie kann sich weder motivieren, noch kann sie selbsttätig eingreifen. Hände sind die Marionetten des Gehirns. Sie bekommen ihren Bewegungsauftrag erst nachdem die Augen die entsprechenden Anregungen gegeben haben. Schreibenlernen ist auch keine Fingergymnastik und lässt sich auch nicht mit ergotherapeutischem Erbsengreifen(!) begreifen. Schreibenlernen ist der innigste Akt der Selbstbestätigung, der sich denken lässt. Schreiben können, ist die Basis jeder geistigen Bildung.

Lassen wir die Hände los und schauen die Aufgaben an, die die Augen beim Schreiben haben. Und das Atmen. Handschrift und Atmen?

„Hören Sie mal, was soll das denn werden? Die Augen lassen wir uns ja noch gefallen, aber jetzt soll auch noch das Luftholen die Handschrift beeinflussen? Vielleicht auch noch das Hören und das Riechen? Und das Mittagessen? Und der Ingwertee?“ 

Ja, so ist das. Wir mokieren uns über die Handschriften und sagen laut: „Sauklaue!“. Was das aber für den Schreibenden und seine Handschrift bedeutet und was es auslöst, kümmert uns nicht.

Zehn Millionen Analphabeten sind zehn Millionen unglückliche Menschen, und zwar seit der ersten Klasse! Kultusminister meinen dazu: „Die haben eben alles wieder vergessen.“ Aber das Lesen und Schreiben kann man nicht vergessen. So einfach ist das nicht. Die zehn Millionen haben es definitiv gar nicht erst gelernt.

Wie können wir ihnen helfen oder wie können wir wenigstens verhindern, dass dieses Desaster sich in der Grundschule immer weiter fortschreibt? Wie können wir dieses Unglück stoppen?

Arthur Schopenhauer, der große Denker (der übrigens zwei Schreibschriften schrieb – Lateinische und Kurrent), brachte mich auf die Idee, das Unglück der Schüler gegen das Glück, richtig schreiben zu können auszutauschen; denn „Glück“ sagte er „ist die Abwesenheit von Unglück.“

Auf die aktuelle Schulsituation übertragen heißt das: wenn die schlechten Handschriften verschwinden, werden die Schulkinder wieder glücklicher sein.

Und Eltern und Lehrer vermutlich auch.

© Susanne Dorendorff

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