Ohne Stift keine Schrift – der Schreibfinger

Der Schreibstift-1 Der Schreibfinger

Vorab: Der Daumen fixiert den Schreibschaft (Stift oder Stiel) parallel zum Zeigefinger (das ist der Schreibfinger), das erste Mittelfingerglied trägt den Schaft indem es leicht zur Handmitte hin abgewinkelt ist, während die ebenfalls (wie „gefächert“)  abgewinkelten Ring- und Kleinerfinger eine Art Stütze oder Auflage bilden, die wie ein „Schlitten“ mit der Handkante in Schreibrichtung auf dem Papier entlang gleitet.

Ohne Stift – keine Schrift, das steht fest. Fest steht aber auch, dass kein Stift der Welt, und sei er noch so teuer und schön, die Handschrift verbessert, wenn man nicht richtig schreiben kann.

Aber es gilt auch: Wie der Stift, so die Schrift! Denn schlechte Stifte können das Schreiben – vor allem aber das Schreiben lernen – zur Qual machen.

Sobald Kinder anfangen, mit Stiften zu hantieren, muss auf die richtige Hand-Stift-Haltung geachtet werden. Spätestens aber im Kindergarten und in der Vorschule sollte die richtige Hand-Stift-Haltung verbindlich und nachhaltig eingeübt werden. Wer von vornherein auf die richtige Handhabung achtet, erspart seinem Kind langwieriges Umtrainieren, was in der Schule – wo die Kinder sich auf die Schrift konzentrieren sollen – ein zeitraubendes Handicap ist.

Der Schreibstift-2 “Handschmeichler”

Grundschüler brauchen Stifte, die sich anfühlen wie Handschmeichler, die gut in der Hand liegen und sich von kleinen Fingern leicht steuern lassen.

Die Auswahl des ersten offiziellen Schreibgerätes ist für Eltern von Schulanfängern verwirrend vielfältig. Die richtige Wahl ist extrem wichtig. Sie ist die erste Hürde auf dem Parcours des Schreibenlernens und kann gar nicht hoch genug eingestuft werden.

Schillernde Farben, Elfen, Totenschädel oder Comicmotive auf den Stiften tragen leider nichts dazu bei, dass Kindern und Erwachsenen das Schreibenlernen leichtfällt oder dass der Stift beim Schreiben gut in der Hand liegt – das können kurze, leichte, runde Stifte und elastische Federn umso besser. Federn müssen federn!

Den optimalen Stift finden Sie, wenn Sie folgende Kriterien berücksichtigen:

  • Größe der Hand
  • Länge der Finger
  • Länge des Stiftes
  • Form des Stiftes (rund, eventuell sechseckig)
  • Material des Stiftes (Plastik, Holz usw.)
  • Gewicht des Stiftes
  • Beschaffenheit der Füllerfeder (wichtig ist, sie muss elastisch sein – die Feder muss federn) beziehungsweise Beschaffenheit der Bleistiftmine (ab der Stärke 2B, mit gutem Farbabrieb)
  • Farbe und Fließfähigkeit der TinteRichtige Handschmeichlersind kurz und werden die Länge der Hand nicht überragen. Wer nachvollziehen möchte, wie Schreiblerngeräte für Kinder in der Hand liegen und sich anfühlen sollten, kann das selbst und in der eigenen Hand testen. Man braucht nur einen einfachen Kugelschreiber in die Hand zu nehmen und zu überlegen, wie er sich in der Hand anfühlt, ist er groß oder eher klein, ist er dünn oder dick, ist er leicht zu handhaben? Wie liegt er in der Hand und wie lässt er sich zwischen den drei Schreibfingern bewegen? Lässt er sich leicht über das Papier führen?Diese Fragen sind bei der Wahl des richtigen Schreibgeräts vor allem für Kinder elementar. Später können andere Kriterien eine Rolle spielen. Aber für Schreibanfänger, die den Umgang mit Stiften erst noch lernen müssen, bevor sie Buchstaben schreiben, ist es wichtig, dass ihnen die Technik des Schreibens, das Koordinieren von Hand und Stift so leicht wie möglich gemacht wird.

Der Schreibstift-3 Die FaustregelFAUSTREGEL: Die optimale, sehr individuelle Stiftlänge können Sie ermitteln, indem Sie den Stift so in die Hand legen, dass die Stiftspitze mit der Spitze des Zeigefingers abschließt. Die Stiftlänge sollte nicht über die Handfläche (unterhalb des Daumens) nicht hinausragen. Das Schaftende sollte bei richtiger Schreibhaltung gut in der Beuge zwischen Zeigefinger und Daumen aufliegen.

Sie sehen, dass das Größenverhältnis von Erwachsenenhand zu Kugelschreiber (Erwachsenenschreibgerät) leicht auf Kinderhand und -stifte übertragen werden kann. Vergleichen Sie es dann mit den Schulschreibgeräten, werden Sie feststellen, dass da etwas nicht stimmt. Die meisten Kinderstifte sind für Kinderhände viel zu groß.

Kein Wunder also, dass bei Kindern Schreibprobleme zunehmen.

Wie sollen Kinder, deren Hände ja wesentlich kleiner sind als die Hände Erwachsener, mit klobigen Geräten entspannt und fröhlich drauflos schreiben können?

Wenn Kinder keine kleinen, schmalen Schreibgeräten, sondern stattdessen mit klobigen Stifte hantieren müssen, kann man sich doch nicht darüber wundern, dass die Sensomotorik nicht verbessert wird und dass statt lesbarer Schriftzeichen „Krähenfüße“ entstehen. Sperrige, unhandliche Malstifte fördern weder die Feinmotorik für das Zeichnen, noch trainieren sie mäandernd fließende Schreibtechnik.

Der Schreibstift-4 “Luftpumpengröße”

Die optimale Beschaffenheit für Erwachsenenschreibgeräte – ob Bleistift, Kugelschreiber oder Füllfederhalter – ist seit 100 Jahren bekannt und man weiß, dass Schreibgeräte in Hammerstiel- oder Luftpumpengröße unvorteilhaft sind. Für Kinder aber produziert man sie. Wieso?

Kurze Skier, kurze Zahnbürsten, kurzes Besteck, alles ist kindgerecht verkleinert – proportional an Kindergröße angepasste Gebrauchsgegenstände gibt es also zuhauf. Doch Mal-, Zeichen- und Schreibgeräte für Kinderhände werden seit Jahren immer größer und unhandlicher produziert und überschreiten inzwischen sogar den Maßstab (im Verhältnis) für Erwachsene.

So viel zur Länge des Stiftes, nun zu seiner Stärke und zu seiner Steuerbarkeit. Der Stift wird beim Schreiben nämlich übers Papier gesteuert, und nicht (wie beim Kritzeln) nur hin und her bewegt.

Und der Stift selbst wird ja auch nicht bewegt, er ist nicht biegsam, als wäre er aus Gummi, sondern so starr wie Essstäbchen.

Während man den Stift an den Linien entlang durch das Heft steuert, wird er zwischen den Schreibfingern ständig leicht gedreht, und zwar während des gesamten Schreibprozesses, ohne dass man es überhaupt registriert. Sporadisch und für die Augen unbemerkt, drehen Daumen und Zeigefinger den Stift hin und her. Das tun sie, weil das Material des Stiftes (Naturholz, lackiertes Holz oder Plastik) durch den Druck der Finger an den Griffstellen punktuell erwärmt wird und es dort zu erhöhter Schweißbildung kommt, also zu Feuchtigkeit zwischen Stiftoberfläche und Schreibfingern. Aufregung, Herzklopfen oder Angst können die Stiftoberfläche in eine glatte Rutschbahn verwandeln.

Doch auch während des normalen, unaufgeregten Schreibvorgangs gleiten die Finger immer wieder langsam in Richtung Spitze am Stift entlang – sie rutschen nach unten. Schon minimales Drehen des Stiftes sorgt für Abkühlung und bewirkt, dass die drei Schreibfinger kühlere, trockenere Stellen am Stift greifen, die dann wieder ein sicheres Steuern des Stiftes ermöglichen; zudem entspannt die kurze Drehbewegung auch noch etwas die Fingermuskulatur.

Der Schreibstift-5 “Stift mit Blindenschrift”

Das Herunterrutschen der Schreibfinger in Richtung Stiftspitze ist also ein zwangsläufiger Impuls des Gehirns, um die Temperatur des Stiftes mittels Schweißabsonderung über die Haut zu regulieren, was wiederum auch die reflexartige Dreh- oder Rollbewegung verursacht.

Erkenntnis: Rutschen und Drehen gehören zum Mit-dem-Stift-Schreiben wie Fingerfeuchtigkeit auf Klaviertasten. Es ist unabwendbar.

Solchen „natürlichen“ Reflexen entgegenwirken zu wollen, indem Querrillen, Noppen groß wie Blindenschrift, wulstige Ringe und stumpfe Griffzonen an Kinderstiften und Füllfederhaltern angebracht werden, ist ebenso sinnlos und störend „Griffmulden“ und Dreieckstifte.

So viel zum unbewussten und notwendigen „Rollreflex“. Aber es gibt noch einen weiteren, ebenso pragmatischen Grund, den Stift zu drehen: Alle Minen schreiben sich ab und werden breit, durch minimales, kontinuierliches Weiterdrehen, Stück für Stück, wird das Anspitzen bewusst verzögert.

Diese Technik lässt der Füllfederhalter leider nicht zu, weil die Feder spitz und aus Metall ist. Aus diesem Grund wurden an der Spitze kleine Kugeln angebracht. Diese Federverstärkungen schreiben sich je nach Schreibgewohnheit seines Besitzers so stark ein, dass auch hier nur noch ein und dieselbe Hand-Füller-Haltung und keine Drehbewegung mehr möglich ist, insofern schreibt es sich mit Füllerfederhalterfeder weniger schwungvoll als mit Blei- oder Buntstift. Dafür aber haben manche Füller so elastische Federn, dass sie beim Schreiben sogar federn können, was schmale und breite, sogenannte Schwellstriche erzeugt. Diese Art des Schreibens ist neben dem Schreiben mit dem Bleistift die beste. Das Schriftbild ist lebendig, die Muskulatur der Schreibhand wird nicht überanstrengt und die Schreibbewegung wird mit der (Schul-) Zeit immer fließender.

Der Schreibstift-6 “Schreibbewegungsachse”

Zum ersten Kinderstift: Der Schaft muss schmal, kurz, glatt und rund sein. Doch nicht nur das, auch weich. Weich bezieht sich auf den Farbabrieb der Mine. Sie sollte leicht schreibbar sein und unter leichtem Druck der Kinderhand schon eine deutliche Schreibspur erzeugen. Für Bleistifte gilt das ab Stärke 2B – Buntstifte haben diese Einstufung leider nicht, deshalb muss man sie ausprobieren. Filzstifte sind für erste Übungen zu weich und geben beim Buchstabentraining zu schnell die Farbe ab.

Glatte, kurze, runde und weiche Bleistifte lassen sich über das Papier ziehen und schieben, als seien sie wie ein zweiter Zeigefinger an der Hand festgewachsen.

Gesteuert wird der Stift von der Schreibhand mittels Daumen und Zeigefinger, während sein vorderes Drittel auf dem leicht zum Handinneren hin abgeknickten ersten Glied des Mittelfingers liegt. Geführt wird der Stift im vorderen Drittel des Schaftes und geschrieben wird mit der Spitze.

Schreiben ist ein relativ schneller Vorgang, und die Spitze des Stiftes beschreibt weite große und kleine Schwünge in alle Richtungen, besonders aber nach rechts, um das Wort lesbar zu machen. Diese flotte Vorwärtsbewegung der Finger drängt die Hand so energisch nach rechts, dass sie die Stiftspitze blitzschnell anheben, weiterrücken und wieder aufsetzten muss, um überhaupt waagerecht in einer Linie schreiben zu können. Tut die Hand das nicht, entsteht ein wirres Strich-Knäuel-Gekritzel auf dem Papier, das kein Mensch entziffern kann.

Die erwähnten Schreibausschläge nach oben, unten sowie rechts und links bringen uns an einen Punkt, den ich dieSchreibbewegungsachse” nenne.

Es ist jener Berührungspunkt, der sich immer dort befindet, wo Daumen und Zeigefinger den Stift halten und führen, er beeinflusst den Schreibstil so stark, dass man darauf achten muss, dass er im vorderen Drittel des Stiftes liegt. Und weil er äußerst flexibel ist, rutscht er am Stift auf und ab. Oberhalb des vorderen Stiftdrittels darf er aber nicht liegen, weil Schreiben dann so gut wie unmöglich ist.

Jeder Mensch hat seine eigene, seiner individuellen Schreibweise angemessene Schreibbewegungsachsen-Grundhaltung.

Wer seinen Stift richtig in die Hand zu nehmen weiß, kann ihn auch souverän durch das Alphabet steuern.

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