Digitales Schreiben in der Grundschule.

Wer ernsthaft verbreitet, Schreiben mit der Hand sei durch Algorithmen zu ersetzen, dem traue ich auch zu, dass er Strychnin als Schlafmittel „verkauft“. Die Argumentation „Computer übernimmt das Schreibenlernen“ ist dem „Verkauf“ von Strychnin nämlich verblüffend ähnlich.

Gewiss, man schläft nach der Einnahme von Strychnin ein…mehr wurde ja auch nicht behauptet. Dass man nicht wieder aufwacht, ist nicht Gegenstand der Aussage. Einschlafen ist Einschlafen. Aufwachen etwas Anderes. Mit dem Einschlafen ist der Wahrheitsgehalt der Aussage erfüllt. Soweit so richtig.

Mit dem Vorgang des Schreibenlernens wird ähnlich verfahren. Das Schreiben, das per Schreibschrift ausgeführt wird und dessen Ergebnis die „Handschrift“ ist, soll schon seit zig Jahren aus der Grundschule verschwinden. Sie wird gegen die Druckschrift (Leseschrift) ausgetauscht. Das ist das Ziel (um im Bild zu bleiben: Die Tastatur ist das “Schlafmittel” für die Schreibschrift, sie soll sterben) Fragen Sie mich nicht warum. Werfen Sie nur einen Blick auf diesen Vorgang.

„Schreiben ist Schreiben“ (eine Aneinanderreihung von Buchstaben) wird behauptet, „das kann auch der Computer übernehmen“ – was das für den Denkprozess des Schreibenden bedeutet und was es physisch-psychisch in ihm auslöst, ist nicht Gegenstand der Aussage.

Rückblick: Auf Betreiben des Grundschulverbands (der seit 2011 die „Grundschrift“ und seit längerem den Einsatz von „Spracherwerbscomputern“ in der Grundschule propagiert), wurde – gegen den Willen vieler Lehrer und Eltern – seit 1969 die Schreibschrift und die dazugehörende Übungszeit aus dem Anfangsunterricht genommen und gegen die Druckschrift zum Selbst-Schreibenlernen und danach das Schreiben als „Zweitschrift“ eingeführt. Ohne jede Prüfung auf Zulässigkeit, ohne Überprüfung der Notwendigkeit. Es wurde eingeführt. Basta.

Das Lernchaos nahm seinen Lauf und die postfaktische (nachgelieferte) ­Rechtfertigung, die Schreibschrift sei verschnörkelt, zu schwer zu erlernen, die Druckschrift sei viel leichter und den Kindern ja schon aus ihrer „Lebenswelt“ bekannt, bereitete das Feld, um später ein Mittel gegen das planmäßige Chaos anbieten zu können. Eine uralte, bewährte und bekannte Strategie, um entweder „Geld zu machen“ oder seine Macht ausweiten zu können. Und alle fallen drauf rein. Alle? Nein, nicht alle, das große Dorendorff…greift zum Stift und schreibt…

Seit 1969 werden die Schulschriften diskutiert, ständig wirft der Grundschulverband neue Schriften ins Spiel, die die Situation noch verschärfen. Schlechte Schreibtechnik macht krank.

Was das mit Strychnin zu tun hat? Sehr viel. Denn mit der Schreibschrift nimmt man den Kindern das Leben. Sie glauben, das sei zu hoch gegriffen? Schreiben ist Denken und Denken ist Leben. Ganz einfach.

Das Gegengift soll nun der Computer sein, er soll das verordnete Schreibdefizit der Schüler ausgleichen, mehr noch: Er soll das Schreiben gleich ganz ersetzen. Ein Gerät, dessen „Innenleben“ aus 0 und 1 (Null und eins in spezifischem Wechsel) besteht. Lebensbereinigt und gedankenfrei.

Ist das Schul-Alphabet schon totes Design das durch unsere Hände erst zum Leben erweckt wird, so ist der Algorithmus in unseren Fingern reines Strychnin. Denk-Strychnin.

Jeder denkende Mensch weiß, dass wiederholtes Antippen einer glatten Fläche den Denkschreibprozess des Menschen nicht ersetzen kann. Die Idee, dass Algorithmen sich als „Handschriftersatz“ verkaufen lassen, entstammt entweder einer Ideologie, die den Traum von der „Herrschaft über die (verblödete) Menschheit“ träumt oder von verblendeten Mitläufern, die alles aufgreifen, das „Ansehen“ und „Einfluss“ verspricht. Wer glaubt, die Einführung der Druckschrift und das Ausscheiden der Schreibschrift aus dem Lehrplan (was im Stil einer Nacht-und-Nebel-Aktion durchgeführt wurde) sei eine „gutgemeinte pädagogische Zuwendung“ gewesen, der sollte sich anschauen, was seitdem in der Grundschule „verbrochen“ wird. Vor allem aber tut es gut, zu erkennen, wer seitdem auf dem Marktplatz Bildung an Macht und Einfluss gewonnen hat.

Niemand der wach ist oder wieder aufwachen will, wird sich auf die Diskussion Schreiben versus Algorithmus einlassen, und er wird sich und seinen Kindern niemals das Selberschreibenkönnen nehmen lassen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.