Handschrift – die Nouvell Cuisine des Ausdrucks

Als Wolfram Siebeck vor gut vierzig Jahren im ZEIT-Magazin die ersten kulinarischen Rezepte veröffentlichte, döste die deutsche Küche noch tief unter der Ackerkrume. Mehlschwitzen, Maggi und weichgekochte Nudeln waren hierzulande das Alpha & Omega der Teller und Töpfe, Kohlköpfe die Krönung der Winterküche. Und Pfeffer und Salz standen als Niespulver- und Streugut auf jedem Tischleindeckdich. Hauptsache satt. Und dann kam Siebeck. Er erzählte von fremden, duftendenKräutern, mediterraner Küche  und sinnlicher Esskultur. Der Gipfel: Nouvell Cuisine. Ausdruck höchster Kochkunst. Mit dem Credo, immer wieder Neues zu kreieren.

Und heute? Heute zelebriert man in ganz Deutschland vornehmste Jus und Demi Glace statt schleimiger Mehlschwitzen, man pflegt hochsensibles Brutzeln, leichtes Köcheln und Molekularschaum an allem, dass es nur so eine Art hat. Kulinaria-Hype wohin man blickt. Manchmal etwas übertrieben vielleicht und Tütensuppen nehmen auch immer mehr zu. Aber wer will, kann Kultur, kann Nouvell Cuisine von quadratischen Schieferplättchen aufpicken und überhaupt. Hätte das vor 40 Jahren irgendwer zu prophezeien gewagt? Wohl kaum. Ich glaube, nicht einmal Herr Siebeck sah das kommen. Frau Lehmann schon gar nicht. Und doch ist es passiert: die Deutschen üben sich in Speis und Trank wie erleuchtet. Köstlich, sinnlich, gebildet.

Stellen wir die Uhr wieder kurz zurück. Vor gut vierzig Jahren herrschte kulturelle Aufbruchsstimmung. Der Muff von tausend Jahren wurde nicht nur aus der Küche getragen. Auch an den Universitäten griff der Bildungsfortschritt um sich. Nur – und ich bin versucht zu sagen: „nur ein kleines gallisches Dorf fiel aus der Rolle“ das träfe aber leider nicht zu. Denn das, worum es geht, war zwar klein, aber kein Dorf, es ist die Schule der Zwerge, die Grundschule. Vielleicht weil sie so klein sind und keine Lobby haben, fielen ihre Bedürfnisse lautlos durchs Raster. Für das Lehramtsstudium waren nämlich plötzlich die Universitäten verantwortlich – oder besser: Professoren und Professorinnen. Denn damals wurde die Fakultät Grundschulpädagogik neu gegründet, sie war also neu an den Universitäten. Das heißt, sie entstand aus einem Vakuum heraus, es gab keine Forschung und auch keine Wissenschaft. Logischer Weise auch keine wissenschaftlich-grundschulpädagogisch gebildeten Professoren.

Man fragte bei der Lehrstuhlvergabe deshalb auch nicht nach spezieller wissenschaftlicher Qualifikation oder einschlägiger beruflicher Erfahrung. Grundschuldidaktik konnte quasi jeder der schreiben konnte. War ja Neuland für alle. Selbstverständlich denkt man, dass diese Leute Wissenschaftler ihrer Fakultäten sind und die Bildung der Kinder im Auge haben, dass nicht fachfremde Quereinsteiger hier ihre Unkenntnis verbreiten dürfen, dass nicht Mediziner Mathematik-Didaktik unterrichten oder Juristen sich statt mit Rechtsprechung, mit Rechtschreibung der Erstklässlerbefassen. Aber genau DAS geschah..

Die Professoren mussten sich nur „trauen“, ohne Qualifikation ihre Vorlesungen vor den Studenten so zu halten, dass es keiner merkt. Dass der Prof nur so tut als ob. Alles Weitere würde sich dann schon finden.

Und so entwickelte ein Jurist, der wohl dachte „Rechtschreibung und Rechtsprechung klingt ähnlich, wird schon gehen“, eine Didaktik für den Anfangsunterricht, die der damaligen politischen Landschaft entsprach: mit progressivem Anstrich und sozialistischen Zielen. Er stellte ein Potpourri aus delikaten Zutaten zusammen: ein bisschen Célestin Freinet (einem linksorientierten Pädagogen der 1920er Jahre), ein bisschen von den Maoris und ein bisschen aus mexikanischen Favelas. Diesem Didaktischen-Allerlei setzte er Jürgen Reichens Anlauttabelle als Sahnehäubchen auf.

Auf dieser Rezeptur basiert das Grundschul-Futter, das uns heute noch wie Blei im Magen liegt. Nix Nouvell Cuisine. Es gehörte halt in die Zeit. In die Jahre des 68er Wertewandels. Und der griff um sich. Nachhaltig. Wertewandel wohin man sich wandte. Und in jeder Beziehung. Nach oben und nach unten. So, wie der Wert der Sterneköche in den Himmel schoss, so musste ein seit 500 Jahren hell leuchtender Stern den Absturz in die Unkenntlichkeit hinnehmen: die Schulbildung. Sie erfuhr hier die Wendemarke, die sich aus heutiger Sicht wie ein U-Turn auf der Straßenkarte der Dichter und Denker darstellt. Geh zurück auf Los und gehe ins Gefängnis. Gelehrsamkeit war gestern. Der Wertewandel bewirkte eine „Schulreform“, die den Grundschullehrerinnen und -lehrern das Alphabetisieren abgewöhnen sollte – ja wirklich. Keine Schreibschrift mehr und Orthografie nur nach Gehör.

Auf Herrn Siebecks Ambitionen übertragen heißt das, zurück in die Steinzeit und jagen und sammeln. Die Schreibschrift und das Schreiben gingen flöten.

Vierzig Jahre sind eine lange Zeit. Deutschland plagt sich inzwischen mit 7,5 Millionen erwachsenen Analphabeten herum, plus etwa 3 Millionen Schüler, die ihre eigene Handschrift nicht lesen können. Die Rechtschreibung ist im Keller. Das ist Entwicklungslandstatus. Aber es tut sich nichts in unserem Land. Nichts. Alles geht so weiter. Nouvell Cuisine, aber zehn Millionen Analphabeten.

Dem Schreiben begegnen wir heute, als sei es der Frustfraß der frühen Jahre. Um im Bild zu bleiben: die Mehlschwitzen-Mentalität der Nachkriegszeit bestimmt noch immer die Axiome der Grundschul-Didaktik. Die Achtundsechzigerjahre brachten zwar einen Bildungsschub. Aber leider in dieentgegengesetzte Richtung. Mit klobigem Besteck kritzeln die Erstklässler ein Jahr lang hilflos (im Wortsinn) und unbeholfen Druckbuchstaben aufs Papier und die Lehrerinnen nennen das Schreiben. Und: „Druckschrift ist Schreibschrift, wenn sie mit der Hand geschrieben wird.“ Sagen die Wissenschaftler – und die Erde wird wieder zur Scheibe? Wer die Überflüssigkeit der „flüssigen“ Handschrift herbeiredet, zeigt schon durch seine unqualifizierte Wortwahl, dass er wenig bis nichts vom Schreibenlehren und -lernen versteht. Schreibtodverfechter wissen wahrscheinlich nicht, wovon sie sprechen und auch nicht, dass sie mit ihrer rückwärtsgewandten, bleiernen „Schulreform“ inzwischen einen unüberschaubaren volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet haben und wohl auch weiter anrichten werden. Neuerdings natürlich unter Zuhilfenahme der Argumentation „der Computer ersetzt das Schreiben sowieso“. Eine Behauptung, die von dem eigentlichen Problem ablenkt, davon nämlich, dass nun schon seit 45 Jahren an den Grundschulen ein bildungsmäßiger Hexentanz aufgeführt wird, sobald die Eltern wach werden und erkennen, dass nicht die Kinder im Zentrum der Schule stehen, ihre Weiterbildung und die Vorbereitung auf das spätere Berufsleben, dass nicht die Wissenschaft die Grundlagen für die Ausbildung der Kinder schafft, sondern die Schulbuchverlage und die Geldbörsen der Eltern und Großeltern.

Ich vermute, dass die Wissenschaft sich gar nicht darum bemühen soll. Sonst hätte sie es sicher längst getan. Und die fließend geschriebene Gedankenfluss-Bewegung, das Essentielle, das Eigentliche des Schreibens, um deretwillen die lateinische Schreibschrift extra „erfunden“ wurde? Wo ist sie? Sie wurde in den Tod geschickt. Ausgelagert aus der Grundschule und durch Schlechtreden zum Sterben freigegeben. Doch Schreiben ist Leben und deshalb sehr stark. Das stirbt nicht – nur weil es nicht in die politische Landschaft passt. Das zeigt sich mit aller Kraft, sobald die Eltern aus der „die Schule macht das schon“-Denkstruktur erwachen, dann kommt es zwischen ihnen und manchen Schulleiterinnen gelegentlich zum Krach. Es kann vorkommen, dass die Wellen so hoch schlagen, dass die Kommunikation bürgerkriegsähnliche Dynamik entwickelt. Da werden dann schon mal richtige Schlachten geschlagen. Und das alles wegen der Schreibschrift, die die Kinder lernen sollen – aber nicht dürfen? Und wegen der schlechten Handschriften? Ja. Eltern sind sehr wach, wenn es um die Zukunft ihrer Kinder geht. Mangelnde Schreibkompetenz kann das Abitur kosten, von Problemen bei Bewerbungen und vom Studium ganz zu schweigen.Was die Grundschullehrer  nicht in die Kinder „einpflanzen“ wird in späteren Jahren fehlen. Wem in den ersten vier Jahren das Grundwissen Lesen, Schreiben und Rechnen nicht vermittelt wird, der schleppt sein ganzes Leben einen Mangel, einen Minderwert mit sich herum, den er nie wieder loswird. Schulleiter sind nicht immer nur nett, sie können auch anders. Wenn es um Methode und Position geht. Oder ums Prinzip. Medienkompetenz. Ist ein Schulleiter am Kind orientiert oder am Prinzip, wenn er vorschlägt, dass Kinder gleich an dieTastatur gehören. Und der Stift komplett gestrichen wird? Denkt er an die berufliche Zukunft der Kinder oder ist es nur ein willkommener Ausweg, um das Eingeständnis der fehlenden Lehrbefähigung zu umgehen? Kinder, die nicht richtig essen und trinken gelernt haben werden es im Leben nicht weit bringen. Kinder ohne Lese-Schreib- und Rechtschreibkenntnisse auch nicht. Selbst dann nicht, wenn sie es mittels Rechtschreibsoftware und Adlersuchsystem zu kaschieren versuchen. Tastaturstatt Handschrift lernen ist für Grundschüler als würde man sie in die Zeiten zurückbeamen, als die Schrift noch in Stein und Wachsplatten geritzt wurde. Buchstabe für Buchstabe. Was wissen die Didaktiker darüber, dass die Bemühungen, so schnell schreiben zu können wie die Gedankenwörter fließen, so alt sind wie die Wachs-Tafel-Ritzerei der Römer? Was wissen sie überhaupt vom Einzelbuchstaben tippen? Wissen sie wie langsam das ist, im Vergleich mit der Schreibschrift? Viele Studenten tippen im Zweifingersuchsystem in den Laptop, statt mit der Hand zu schreiben, was viel schneller ist, weil sie eine Handschrift haben, die keiner lesen kann. Auch sie selbst nicht Und außerdem: die Universität Marseille fand schon vor zehn Jahren heraus, dass mechanisches „Tippen“ auf Einzelbuchstaben vom Gehirn ganz anders umgesetzt wird, als mit der Hand Geschriebenes das sich das Gehirn viel besser merkt, als „Getipptes“, was bedeutend schlechter oben ankommt. Studierende haben also gar keine echte Wahl, sie müssen zum PC greifen, nicht, weil es schneller geht oder besser fürs Gehirn ist, sondern weil sie nicht mit der Hand schreiben können. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, Schnellschreiber und Gutschreibende. Aber die sind nicht die Regel. Und was ist mit der Intimität der eigenen Handschrift? Mit dem sich darin wiederfinden? Kein Apparat der Welt kann dieses Gefühl ersetzen. Dass es für viele negativ ausfällt liegt ganz einfach daran, dass das Schreiben in Deutschland noch gar nicht angekommen ist.

Vor vierzig Jahren, als der Schreibunterricht aus den Lehrplänen gestrichen wurde, war vom Digitalisieren und Medienkompetenz aber noch gar nicht die Rede. Und nichts und niemand war in Sicht, der ihn und das Geschwisterpaar Alphabet und Orthografie hätte retten können. Kein Küchenguru, der für Kinder mit Buchstaben Suppen kocht und keine Handschrift-Päbstin, die aus dem Denken in grafischem Fließformat das entstehen lassen können, was in fernen Ländern – wo Bambus und Wasabi wachsen – schon seit Jahrtausenden Usus ist: eine Handschriftkultur auf stratosphärehohem Niveau. Sinnliches Schreibvergnügen, das die Menschen, die es beherrschen, glücklich macht und stolz. Die Handschrift der Menschen transportiert neben der Konnotation (dem Sinn des Wortes) auch die emotionale Bewegung, den Impuls, der den eigentlichen Ausdruck erzeugt. Dieses intime Schreiben ist kein Tippen und kein Texten. Dieses Schreiben, das den einzigen greifbaren menschlichen Ausdruck impliziert, kann nicht kollektiv sterben und kulturell verenden. Es geht nicht. Weil der Ausdruck im Menschen selbst lebt, und nicht nur im Geschriebenen. Kann etwa der Augenausdruck sterben? Naht der Tod des Ausdruckstanzes? Sind Gestik und Mimik tot, wenn man schläft? Vielleicht verschlägt es uns die Sprache und das Lachen versteckt sich im Hals, sobald von irgendwoher der Schrei erklingt „der Gesang stirbt!“. Doch glauben wird es deshalb wohl niemand. Menschen können nicht leben, ohne Ausdruck hervorzurufen. Jeder Ausdruck ist eine Botschaft. Wir brauchen den Ausdruck auch als Eindruck um miteinander leben zu können. In Deutschland, so scheint es, hat sich dieser Zusammenhang – zumindest in Sachen Handschrift – wohl noch nicht überall herumgesprochen. Hier ist man vielfach noch der Ansicht, dass die Handschrift, die den einzigen nichtflüchtigen Ausdruck der Menschen transportiert, der authentisch, spontan, individuell, emotional und in amorphen Formen daherkommt, sterbensfähig und tötbar ist.

Die Handschrift stirbt nicht. Auch nicht aus. Sie kann es nicht. Weder als Druckschrift, noch als Kanji, als Schreibschrift nicht und auch nicht als griechische, kyrillische oder arabische Schriftzeichen.

Selbst wenn es gelingt, einem Volk die Muttersprache zu nehmen, die Art zu schreiben ist angeboren und davon unabhängig, sie wird beibehalten bis zum Tod. Wie sich die Liebe nicht verbieten lässt, weil sie ein Impuls ist, bricht sich auch die Ausdrucksimpulsivität der Handschrift immer und immer wieder Bahn. Wie der zarteste Grashalm durch den Asphalt hindurch wächst, so erhält sich auch die Art zu Schreiben und der Wunsch dies zu tun. Die Schrift der Hand ist die Nouvell Cuisine unter allen Ausdrucksformen. Immer wieder neu und…

Und jetzt kommt Siebeck. Na ja, nicht wirklich. Aber so ähnlich. Jemand, der das Schreiben liebt wie ein Pianist seine Tasten und die Handschriften versteht wie kein anderer. Für den die Ausdruckskraft des Schreibens das Feuer unter dem Kessel ist. Federn als Fackeln? Mindestens. Ich bin da. Schon lange und ich beobachte euch. Schon lange. Ich bin kein Koch, ich schreibe auch nicht mit Messer und Gabel. Ich trage die Leidenschaft der neuen Handschriftkultur in die Herzen der Eltern, damit sie ihren Kindern sagen können, was Schreiben wirklich ist: Denken und Fühlen in grafischem Fließformat – oder auch: Deine Lebensspur.

© Susanne Dorendorff

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