Sollten Linkshänder in Klasse 1 die Schreibrichtungen der Buchstaben genau so einhalten wie auch die Rechtshänder?

Sehr geehrte Frau Dorendorff,

mit Freude habe ich viele Ihrer Videos bei YouTube angesehen zumeist schon vor mehreren Jahren. Zwei Videos habe ich seit langem auf meiner Webseite verlinkt:

http://skolnet.de/richtige-stifthaltung/

Ich habe eine Frage zum Schreibenlernen von Linkshändern. Wir sind uns hier im Kollegium nicht einig darüber. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir mit Ihrer Erfahrung weiterhelfen könnten.

Sollten Linkshänder in Klasse 1 die Schreibrichtungen der Buchstaben genau so einhalten wie auch die Rechtshänder? Wie gehen Sie damit um?

Lieber Herr Soundso,

danke, dass Sie meine Erkenntnisse weitertragen. Ich hoffe, es hat helfen können, Probleme beim Schreibenlernen zu beheben. Es freut mich auch, dass Sie sich mit Ihrer Frage an mich wenden.

Aber darf ich, bevor ich auf Ihre Frage eingehe, Sie zunächst um eine Änderung Ihres Textes bitten: Ich bin KEINE KALLIGRAFIN – lesen Sie hierzu bitte einen Auszug aus meiner Website: http://www.europhi.de/de/was-ist-schreiben/ Dann werden Sie vielleicht erkennen, dass genau DAS Gegenstand und Ursache Ihrer Frage ist: Schreibschrift und Druckschrift sind ebensolche Antipoden (Gegenläufer, Gegensätze) wie Handschrift und Kalligrafie: Die eine (Handschrift) transportiert die Authentizität des Menschen, die andere (Schönschrift bzw. Kalligrafie) ist Dekoration. Der allgemein nicht bekannte Unterschied zwischen Handschrift (Schreibenlernen) und Schönschreiben („sollen die Kinder so schreiben wie auf der Vorlage?“) verursacht seit 500 Jahren und immer noch Problem bei Lehrern, Kindern und Eltern. Und nun zu Ihrer Frage: „Sollten Linkshänder in Klasse 1 die Schreibrichtungen der Buchstaben genau so einhalten wie auch die Rechtshänder?“

Grundsätzlich gilt: Der Duktus (Form/Richtung/Neigung) der Buchstabenvorlagen aller Schulschriften ist nicht verbindlich, sondern lediglich ein “Ausgangswert” (daher der Begriff Ausgangsschrift – der sich unabdingbar auf alle Schulschriften bezieht – auch auf die Druckschrift, die seit 2011 “Grundschrift” genannt und von den Kindern – sich selbst überlassend – zur Schreibschrift umgemodelt werden soll [was nicht funktioniert]).

Begründung: Jedes Kind entwickelt vom ersten Tag an, an dem es einen Stift in die Hand nimmt, nicht später! und nicht erst in der vierten Klasse oder noch später, seinen ihm eigenen Schreibduktus – der als persönliche Handschrift (so, wie die eigene Stimme) genetisch angelegt ist. Handschriften in eine bestimmte Richtung zu zwingen ist also auf jeden Fall falsch, egal ob Rechts- oder Linkshänder. Rechtshänder schreiben nicht “automatisch” rechtsgeneigt und Linkshänder schreiben nicht automatisch linksgeneigt. Manche Menschen schreiben senkrecht, manche links- manche rechtsgeneigt, manche „mal so mal so“.

Die Gepflogenheit, von Kindern die Übernahme der Rechtsneigung der Buchstabenvorlagen zu verlangen, ist eine tradierte, nachhaltig eingedrillte Verhaltensweise, die ebenso alt wie unüberlegt ist. Und das kam so:

Die ersten Schreiblehrer der Klosterschüler! vor 500 Jahren waren Mönche. Damals kam gerade Guttenbergs Buchdruck auf und Luther konnte seine protestantischen Druckschrift-Bibelübersetzungen verbreiten. Mönche waren damals perfekte Kalligrafen, weil sie die Bibeltexte per Hand „edierten“, es waren also routinierte Schönschreiber. Diese Perfektionisten entwickelten für ihre Schüler aus dem lateinischen Druckschrift-Alphabet eine Schrift mit verbundenen Buchstaben die es den Kindern ermöglicht, ihre Gedanken schneller als mit Druckschrift zu schreiben. Die Verbindungen zwischen den Buchstaben macht das Schreiben wesentlich schneller als statische Einzelbuchstabendarstellung. Das bedeutet, die Idee des Verbindens ist die logische Folge in Anlehnung an den Gedankenfluss (wie denken fließend [nicht „flüssig“].

aufschreiben können t,  lateinischen Schulschreibschrift zwar ein grafisch ansprechendes Alphabet, dessen Buchstaben   verbunden werden können,. Aber sie übergingen offenkundig von Anfang an die eigentliche Aufgabe der neuen Schrift, also den expliziten dualen Bewegungs- und Lern-Zweck dem eine Schulschreibschrift zu dienen hat, der sich wie folgt beschreiben lässt:      Die Schulschreibschrift ist eine Bewegungsschrift. Sie ist die einzige Schrift, die zum Verändern durch Kinderhände erdacht wurde. Deshalb muss sie zwangsläufig und in erster Linie über außerordentlich bewegungsfreundliche Eigenschaften verfügen. Und  genau DAS übersahen die Mönche, weil sie an Schönschrift-Alphabete dachten. Die werden aber weder spontan noch authentisch und fließend geschrieben, sondern „schön ausgeformt“. Kalligrafen sind nun einmal auf Schönschreiben fixiert und  nicht auf emotionales Bewegungsschreiben. Das aber ist die Basis der Handschrift, jeder Handschrift, in jeder Kultur, ob arabisch, chinesisch, griechisch oder – wie inzwischen in allen Weltsprachen -: lateinisch.

Die Schreibtechnik einer Schulschreibschrift muss also von grafomotorisch ungeübten Kindern! – darunter auch Linkshänder! – leicht erlernbar sein. Denn sie lernen nicht eine „Schrift“, sondern viel mehr, sie müssen verstehen, wie ihre Finger den Stift richtig halten und ihn exakt übers Papier führen, und zwar so, dass das Abgebildete den neu zu erlernenden Schriftzeichen entspricht und dass sie orthografisch richtig aneinandergereiht werden, um ein lesbares Wort zu ergeben.

Den Mönchen war dieser Zusammenhang, der uns heute eine neurobiologisch exorbitante Herausforderung offenbart, damals leider nicht bewusst.

Das ist die Erklärung, warum Linkshändern und Schlechtschreibern mit dem Lineal auf die Finger geschlagen wurde: Sie sollten schön schreiben, exakt und vorlagengetreu. Ein absolut widersinniges Verlangen

Linkshänder entwickeln ihre Handschrift genau wie Rechtshänder. Dass es zum sogenannten “Linkshänderduktus” kommt, der die Buchstaben nach “vorn” (links) fallen lässt, liegt zumeist an der falschen Stiftführung durch falsche Handhaltung: Das Kind schreibt von oben (Hakenhaltung), weil es erstens nicht sieht was es schreibt wenn der Stift zu kurz gehalten wird und zweitens vermeiden will, dass die Tinte verwischt.

Lehrer*innen sollten immer und sofort auf die richtige Handhaltung achten. Kleiner Tipp: Schauen Sie sich Videos bei Youtube an, die zeigen, wie Arabisch geschrieben wird. Sie werden sehen, dass dort die Rechtshänder „spiegelverkehrt“ zum (deutschen/lateinischen) Linkshänder schreibt (mit rechts nach links) Schauen Sie sich an, wie die den Stift halten – dann können Sie es an Linkshänder weitergeben…Und nun zur Richtung des Schreibduktus’: (Fortsetzung folgt)

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