Wahrnehmung – das Geheimnis vitaler Handschrift

Handschrift ist mehrsprachig. Nicht allein wegen ihrer „Weltläufigkeit“ und weil sie praktisch in jeder Sprache zu Hause ist, ist die Schrift der Hand die einzige Schrift, die innerhalb des Wortes eine zusätzliche Sprache hat. Diesezusätzliche Sprache liegt nicht wie ein Palimpsest, wie eine zweite Schrift unter den Buchstaben, nein, sie ist mit ihnen durch und durch verwoben. Die zweite Sprache ist keine lesbare Schrift, sondern eine Dimension - eine Gefühlssprache, eine Sprache, die nur intuitiv wahrgenommen und verstanden werden kann.

Diese zusätzliche Dimension kommt durch die Vitalität des Menschen in die Schrift. Es ist die Quelle des Lebens, die hier sprudelt, jene Energie aus der heraus geliebt, gehasst, gefühlt und verstanden wird. Es ist derselbe Motor, der Stimmen singen und erbeben lässt, der Augen zum Strahlen bringt oder mit Tränen füllt. Es ist jener neuronale Vorgang im Körper, der auch dafür sorgt, dass Lebewesen sich ohne Worte verstehen können. In der Handschrift entdeckte ich sie, als ich unter dem Einfluss einer seelischen Erschütterung schrieb und sah, dass meine Hand sich plötzlich ganz anders verhielt als sonst: Sie schrieb nicht wie ich wollte, sondern wie SIE wollte, und ich ließ ihr (wohl auch weil ich gar keine Wahl hatte) freien Lauf.

Ich sah meiner eigenen Handschrift zu, wie sie aus der Feder floss und wunderte mich. Nie zuvor hatte ich Schreiben so intensiv beobachtet. Und als sei vor meinen Augen ein Licht angegangen, wurde mir plötzlich klar, dass meine Hand „fremdbewegt“ wurde, so, als würde sie nicht von mir über das Papiergeführt, sondern von einer Kraft, die viel stärker war als ich. Mit jeder Schreibbewegung erkannte ich deutlicher: Die unsichtbare, also die innere Bewegung des Schreibenden führt die sichtbare, die äußere Bewegung erst herbei. Die sichtbare Bewegung, also die Form des Buchstabens, wird nicht von mir bestimmt, sondern von jener Kraft, die meine Hand wie an langen Fäden hängend, ferngesteuert.

Ich gebe zu, dass mir das anfangs etwas unheimlich war. Ich fühlte mich so ausgeliefert. Aber dann dämmerte mir, dass es mir nicht allein so ging. Dieser Kraft, dachte ich, ist jeder Schreibende ausgeliefert, niemand ist in der Lage, sich dieser subtilen, uneingeschränkten Einflussnahme entgegen zu stemmen, keiner kann sich ihr entziehen, keiner kann anders schreiben, als seine innere Bewegung es zulässt, denn sie ist immer schon vor der äußeren Sie ist sogar schon da, bevor man anfängt darüber nachzudenken, was man schreiben möchte.

Wer oder was ist diese Macht, die mit einer Energie ausgestattet ist, deren gewaltige Kraft ich mir nicht vorstellen kann? Es sind die unbewussten Emotionen. Man kann auch sagen, neuronale Reaktionen sind die wahren Herrscher über Hand und Schrift: SIE schreiben vor, wie geschrieben wird. Das bedeutet, Handschrift ist die einzige Schrift, die ihre Arbeit, das WAS (geschrieben wurde) durch das WIE (unlesbar) sinnlos machen kann. Handschrift kann sich selbst erledigen.

Das aber bedeutet auch: Handschrift entsteht willenlos. So merkwürdig es klingen mag: Handschrift schreiben ist ein irrationaler Prozess. „Da sollte man sich dann wohl mit seinen Emotionen möglichst gutstellen“, dachte ich „und niemals mehr sollen meine Gefühle beim Schreiben unter Druck gesetzt werden“. Andererseits ist der emotionale Aspekt aber auch wieder kein Grund an seiner Schreibweise zu verzweifeln, denn die Emotionen schwanken ja pausenlos und können sich ändern. Nur eben nicht auf Knopfdruck. Und auch Handschriften ändern sich nicht auf Knopfdruck oder weil man es sich wünscht. Wünschen läßt sie kalt. Der einzige Punkt, an dem die Handschrift beeinflussbar ist, ist das eigene Gefühl, das Gefühl, das man seiner Handschrift entgegenbringt. Menschen, denen dieser Gedanke fremd ist, sollten sich daran erinnern, dass jeder Mensch seiner Handschrift Gefühle entgegenbringt. Zumeist sind es leider negative Gefühle. Ich stelle aber in meinen Coachings immer wieder fest, dass „schlechte“ Schrift sich schon bessert, sobald sie thematisiert wird. Wer sich in seiner Handschrift gedanklich widmet, findet auch etwas, das sie sympathisch macht.

Jeder Mensch hat die Fähigkeit, Gefühle zu wecken, bei anderen und – und das ist hier besonders gefragt – auch bei sich selbst. Früher glaubte man, wer seinen Gefühlen folgt, der hat den Verstand abgegeben. Heute weiß dieWissenschaft, dass die Intuition viel weiser und präziser reagiert als der Verstand. Intuition und Emotion sind Schwestern und kommen aus der „Tiefe“ des Unbewußten, dorther, wo auch blitzschnelle, lebenserhaltende Reaktionen „gezündet“ werden. Gefühle sind intuitiv und spontan. Genau wie Handschrift. Die auch aus der „Tiefe“ des Unbewußten gesteuert wird.

Die „Tiefe“ des Unbewußten fühlt sich aber nur so „aus der Tiefe kommend „an, in Wirklichkeit sitzt sie ganz oben, sie sitzt im Kopf, dort, wo in bestimmtenHirnregionen dafür sorgt wird, daß wir ein möglichst harmonisches Leben führenmöchten. Und natürlich beeinflussen sie auch das Verhältnis, das man zu seiner Handschrift hat. Und zur Schreibkultur allgemein. Ich habe seit einigen Jahren ein anderes Verhältnis zur westlichen Schreibkultur als früher. Das liegt zum größten Teil daran, dass ich mich professionell mit Handschrift befasse und auch daran, dass ich meine eigene abolut liebe. Das war nicht immer so. Doch seit es so ist, habe ich viele Menschen darin unterrichtet, Schreiben als etwas zu erkennen, das ihnen hilft, sich selbst besser zu verstehen, und sich und andere in ihrer Einzigartigkeit zu akzeptieren. Schreiben wäre an Schulen ein wirkungsvolles Toleranz-Training, das als solches eingeführt werden sollte. Aber zurück zur Vitalität. Handschrift wird also von Gedanke, Gefühlen und im Wesentlichen von unbewussten Emotionen „geschrieben“.

Wer seine Handschrift ändern will, muß also genau an diesem Punkt eingreifen, an dem Punkt, an dem die unbewußten Emotionen wirksam werden. Bei der Wahrnehmung.

Wahrnehmung ist über die Sinne, über das, was man sieht, hört, fühlt undriecht und schmeckt veränderbar. Dabei sollen so viele Sinne wie möglichangesprochen werden. Wenn das Geheimnis vitaler Handschrift die Wahrnehmung, also die Einstellung zur eigenen Handschrift ist, dann ist diese Einstellung auch am einfachsten über das Schreiben veränderbar. Ob Wahrnehmung oder Einstellung, wer seine Schreibbewegungen beachtet, achtet sie auch bald und bringt ihr genau jene Wertschätzung entgegen, die auch Sänger ihrer Stimme entgegenbringen.

Wer singt – egal ob Oper oder Trallalla – fühlt seine Stimme im ganzen Körper, er ist die  Stimme, sie füllt ihn aus. Mit dem Schreiben kann das genauso sein. Es ist diese positive, konzentrierte Zugewandtheit, das ganz-beim-Schreiben-sein, das Ihre Handschrift verbessert. Wer sich schreibend wahrnimmt, wer sieht, wie die Schrift ihn bewegt, erkennt sich darin wieder, und löst eine Kettenreaktion aus, an deren Ende (oder Anfang, je nach dem wie man es betrachtet), eine ausdrucksstarke Handschrift

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