Was beim Schreiben im Kopf geschieht

Die Verschaltungsfreudigkeit der Kindergehirne kommt dem Zeitfenster „Vor- und Grundschule“ in dem speziellen Prägungsprozess „Schreibenlernen und Alphabetisieren“ sehr entgegen und sollte von Anfang an intelligent und sensibel genutzt werden. Denn irgendwann schließt es sich wieder. Was hier versäumt wird, ist nur schwer nachzuholen.

Deshalb wollen wir uns den Schreiblernprozess jetzt einmal ganz genau ansehen.

Die Erforschung des Gehirns, besonders seines inneren Aufbaus und seiner Funktionen brachte schon vor längerem die Erkenntnis, dass die Verbindungen der Nervenzellen im Gehirn unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. Der persönliche Ausdruck ist das Resultat körperlicher Gegebenheiten, die durch das Zusammenwirken von Nervenzellen in unserem Gehirn erzeugt werden.

Es ist jedem überlassen, darin Geist und Seele oder chemisch-physikalische Vorgänge oder die Persönlichkeit des Menschen zu erkennen.

Das Schreibenlernen der Grundschüler ist nicht zu vergleichen mit dem Einüben eines Handwerks, auch nicht mit Auto- oder Radfahrenlernen, Schwimmen oder Kochen. Schreiben geschieht nämlich nicht nur mit allen Sinnen, man gibt gleichzeitig auch noch sehr viel von sich preis. Schreibende lassen einen dauerhaften, authentischen Ausdruck zurück, der nicht korrigierbar ist. Das ist eine hochbrisante Situation. Pädagogen sollten ihr mit viel Fingerspitzengefühl begegnen.

Schreibenlehren und -lernen ist, wie ich gleich erläutern werde, eine diffizile, anspruchsvolle Kopfarbeit mit vielen Beteiligten, die harmonieren müssen wie ein Orchester.

Das Stammhirn (Hirnstamm) steuert Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung und alle lebenswichtigen Reflexe. Das Zwischenhirn beherbergt den Thalamus, den „Türöffner“ des Bewusstseins. Er entscheidet, welche Sinneseindrücke ins Bewusstsein eindringen dürfen und leitet sie an die Verteilerzentren weiter. Der Rest bleibt im Unbewussten hängen. Im Zwischenhirn ist der Hypothalamus ansässig, er koordiniert das Spannungsverhältnis zwischen Hormonen und Nervensystem.

Das Limbische System liegt im inneren des Großhirns und wird auch Gefühlshirn genannt. Es ist mit einem so genannten Belohnungszentrum versehen. Das Limbische System bewertet, ob etwas positiv, neutral oder negativ ist, wenn wir etwas denken, fühlen oder wahrnehmen. Die Informationen werden sofort an den Hirnstamm gesendet und lösen je nach Situation eine Reaktion aus. Das Kleinhirn (Cerebellum) koordiniert das Gleichgewicht und die Bewegungen und sorgt dafür, dass sie fließend (nicht: „flüssig“) ablaufen. Das Großhirn ist links für Sprache und Logik verantwortliche, rechts für Kreativität und den räumlichen Orientierungssinn. In der Großhirnrinde (Neocortex) sitzen unter anderem die Areale für Seh-, Sprech-, Lern- und Denkfähigkeit. Hier laufen alle Informationen der Sinnesorgane zusammen, werden sortiert und als Wahrnehmung im Gedächtnis eingelagert. Hier findet das eigentliche Denken statt.

Dies alles – und noch mehr – ist an den Schreibbewegungen beteiligt, mündet in den Stift und fließt als Handschrift aufs Papier.

Eine schlechte Schrift melden die Augen dem Gehirn als „schlechtes Gefühl“. Ist man guter Dinge und die Schrift schwingt wie ein Schmetterling, dann melden die Augennerven: „Die Welt ist schön!“

Genau hier schreiten wir ein und sorgen dafür, dass die Kinderaugen Freude am Schreiben signalisieren. Der „optisch“ gute oder schlechte Eindruck einer Handschrift bezeichnet allerdings etwas, das nur schwer zu beschreiben ist. Er ist zwar immer deutlich spürbar. Aber nicht präzise zu definieren. Für die Bewertung der Handschriften kann es keinen allgemeingültigen Maßstab geben, weil jeder Mensch anders „spürt“. Deshalb muss man bei ihrer Beurteilung sehr vorsichtig sein. Ob eine Handschrift gefällt oder nicht, kann und darf nur der Schreibende selbst beurteilen. Es ist SEINE Handschrift.

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