2. Luther & Gutenberg

1517 – 2017: Was hat das Lutherjahr mit Handschrift zu tun?

Er hat sie nicht erfunden. Aber wir verdanken ihm, dass sie in die Schule kam. Martin Luther[1] hat uns mit dem Selbstdenken und -aufschreiben, auch eine schnelle Schreibtechnik geschenkt, unser wichtigste Denkwerkzeug.

Luthers Credo: „Schreiben lernen, heißt Denken lernen“ hat Descartes[2] noch weiter verdichtet: „Ich denke – also bin ich.“

 Es war der Geist großer Denker, der unsere Buchstaben miteinander verband, damit wir lernen, so schnell zu schreiben, wie unsere Gedanken fließen.

Längst ist diese Technik unverzichtbar und überall auf der Welt in allen Weltsprachen zuhause. Seit 1963 sogar im Chinesischen.

[1] Martin Luther (14831546) war der theologische Urheber der Reformation.

[2] René Descartes (1596 – 1650), lateinisch Renatus Cartesius, französischer Philosoph, Mathematiker, Naturforscher und Begründer des Rationalismus

[3]Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg (* um 1400 in Mainz; † 3. Februar 1468 ebenda), gilt als Erfinder des modernen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern  und der Druckerpresse.

Antwort-Brief an einen Grundschullehrer

Die Gepflogenheit, Kinder zu „zwingen“, sich an die Buchstabenvorlage zu halten, und formtreu zu kopieren, ist eine tradierte, eingedrillte Verhaltensweise, die ebenso alt wie falsch ist. Darauf muss ich ganz deutlich hinweisen. Weil es ein Missverständnis ist und die Ursache aller schlechten Handschrift-Generationen.

Dazu kam es wie folgt:

Die ersten Lateinschüler vor 500 Jahren wurden von Mönchen unterrichtet. Also eher von „Zuchtmeistern“ in Klöstern, als in Schulen wie wir sie heute kennen. Zur selben Zeit kam Gutenbergs[3] Buchdruck auf und Luther begann seine protestantischen Bibelübersetzungen mittels Druckstockschriften zu verbreiten. Der Begriff „Druckschrift“ kam in die Welt. Bis dahin kopierten und vervielfältigten Mönche, Kalligrafen und Steinmetze seit Generationen ihre Texte per Hand mit Rohrfeder, Tinte, Hammer und Meißel. Die neuen Lateinlehrer waren also routinierte Handwerker. „Schönschreiber“ waren sie nicht. Von „Schreiben“ hatten sie keine Ahnung. Schriften wurde bis dato ja nicht „fließend geschrieben“, sondern aus Einzelelementen Strich für Strich ineinander gefügt. Zwar nennt man die damals entstandenen Schriftstücke heutzutage „Handschriften“, um sie von Gutemberg-Drucken zu unterscheiden. Aber mit „Schreiben“ und „Handschrift“ in heutigem Sinne hat das nichts zu tun. Es entstand also schon damals rund ums „Schreiben“ ein Begriffs-Wirrwarr, das Kalligrafie, Typografie, Druckerzeugnisse, die neue Schulschreibschrift und die daraus hervorgehenden persönlichen Handschriften unter einen Hut zu bringen hatte. Heute erweitert und verknotet sich das Buchstabengeknäule durch das Tippen auf Schreib(!)maschinen, den Auftritt der PC-Schriften in Keyboards, Handys und Tablets – das bekanntlich auch alles schreiben genannt wird, noch um ein Vielfaches. Da kenne sich einer aus!

Über persönliche Handschriften, wie wir sie kennen, verfügte im 16. Jahrhundert (mangels Bedarf) natürlich niemand. Und man wusste auch nichts über die persönliche Handschrift, nicht wie sie entstehen, wie man sie pflegt, wie sie sich entwickelt und wie sie sich im Laufe des Lebens verändert. Das ist übrigens auch heute noch so.

Die oben genannten kalligrafischen Perfektionisten bekamen also vor gut 500 Jahren den Auftrag oder fühlten sich berufen, für ihre Lateinschüler aus dem lateinischen Alphabet eine Schrift zu entwickeln, die es den Kindern ermöglichen sollte, schneller zu „schriften“ als mit den üblichen „Kalligrafieschriften“. Die Schüler sollten ihre Gedanken eigenhändig, lesbar und schnell zu Papier bringen können – nicht so langsam wie das Kalligrafieren der Unziale, Rotunda oder Capitalis und natürlich sollten sie auch nicht drucken lernen. Da lag es buchstäblich auf der Hand, die Einzelbuchstaben miteinander zu verbinden. Und tatsächlich, im Gegensatz zu statisch dargestellten Typen, erhöhen die Verbindungen zwischen den Buchstaben die händische Schreibgeschwindigkeit erheblich.

Die Idee des Buchstabenverbindens war die logische Konsequenz aus der rasanten Geschwindigkeit des Gedankenflusses und dem Wunsch, die gedachte Sprache selbst und fließendschnell aufschreiben zu können.

Nun wurde aber zur selben Zeit von professionellen Kalligrafen, die durch die Gutenbergsche  Drucktechnik ihre berufliche Grundlage verloren, ein neues, rechtsgeneigtes (kursives) Alphabet entwickelt, dessen Darstellungstechnik der Rechtshändigkeit der Kalligrafen entgegen kam: Die Humanistische Kursive (googeln) – eine lupenreine Marketing-Idee, die den Marktwert und die Honorare der Kalligrafen in die Höhe trieb. Der „verbundene Charakter“ dieser Schrift wirkte, wenn sie manuell dargestellt wurde, kostbarer als „gedruckte Massenprodukte“. Das war das Ziel. Fließend geschrieben wird sie nicht. Wird aber heute noch behauptet.

Die „schön aussehende“ Rechtsneigung wurde, obwohl ihr keinerlei ergonomische Überlegungen vorausgingen, zum optischen, charakteristischen Fundament der lateinischen Schulschreibschrift. Und das Drama nahm seinen Lauf.  Alle Schreibanfänger wurden fortan  in die Rechtsneigung gezwungen. Wir wissen das und wir wissen auch, dass, wenn es nicht klappte, mit Lineal und Rohrstock auf Kinderfinger geschlagen wurde. So entstand die allgemeine Wahrnehmung, dass Schreibschrift und Schreibenlernen immer mit DRILL verbunden sind. Vor allem Jungen und Männer sind dieser Auffassung. Und daher wundert es auch nicht, dass es hauptsächlich Männer sind, die die Abschaffung der Schulschreibschrift betreiben.

Dabei könnte es so einfach sein, wenn alle wüssten, dass jedes Kind von dem Tag an, an dem es einen Stift in die Hand nimmt, den ihm eigenen Schreibduktus entwickelt, nicht später! – also nicht erst in der vierten Klasse oder noch später. Die Charakteristik der persönlichen Handschrift ist (wie die eigene Stimme) genetisch angelegt und entfaltet sich sein Leben lang frei, aber emotionsgebunden. Schreibweisen in eine bestimmte Richtung zu  zwingen, einerlei ob Kinder- oder Erwachsenenhandschrift, ob Rechts- oder Linkshänder, ist immer falsch, So, wie Rechtshänder nicht “automatisch” rechtsgeneigt und Linkshänder nicht automatisch linksgeneigt schreiben, liegt es manchen Menschen mehr, grade, krumm oder „mal so mal so“ zu schreiben. Es ist eine Frage der Sehgewohnheiten, ob eine Handschrift gefällt oder nicht. Wir müssen in dieser Hinsicht einfach umlernen.

Leider gibt es immer noch keine sensomotorisch kluge Empfehlung für Linkshänder, die ihnen das Schreibenlernen leicht und angenehm macht. Offenkundig ist es immer noch ein „Brief mit sieben Siegeln“.

Schauen wir genauer hin, lässt sich erkennen, dass Linkshänder ihre Handschrift genauso entwickeln wie Rechtshänder. Hier mein Tipp: Schauen Sie sich Arabisch schreiben lernen-Videos bei Youtube an. Sie werden sehen, dass arabische Schriftzeichen schreibende Rechtshänder „spiegelverkehrt“ (von rechts nach links) zum deutschen/(bzw. lateinischen) Linkshänder schreiben (von rechts nach links). Schauen Sie sich an, wie die Schreibenden den Stift halten – dann können Sie es an Linkshänder weitergeben. Als Vorübung empfehle ich das „Ergo-Stäbchenspiel“, das ich extra für Kinder (vor allem für Jungen) ab fünf Jahre zum Erlernen der richtigen Schreibstifthaltung entwickelt habe.

Zurück zur Schrift vor 500 Jahren. Zwei funktionale Veränderungen – der Verbindungsstrich und die Rechtsneigung -  charakterisierten nun die neue, schnelle Schul-Schreib-Schrift, die sie „Laufschrift“ nannten (Kurrentschrift [currare: laufen] googeln). Die Absicht war klug und weise, aber der Umgang damit nicht. Ich sage dazu gern: „Sie wollten Leben und sperrten es ein.“ oder …“schlugen es tot.“.

Denn obwohl die ursprüngliche Schüler-Schreibschrift-Maßgabe lautete: eigenhändig, lesbar und schnell, und es dabei doch ganz offenkundig um die persönliche (sprich: individuelle) Schreibbewegung jedes Kindes ging, fiel diese Bedingung in dem Moment unter den Tisch, als der Unterricht begann. Weil jegliche Anleitung zum Schreibenlernen fehlte. So wurde von den Kindern beim Schreibenlernen das verlangt, was gerade NICHT sein sollte: langsames, stupides, exaktes Abbilden der Schriftvorlagen: Das „Schönschreiben“ war geboren. Völlig idiotisch. Warum wurde eine schnelle Laufschrift erfunden, wenn sie postwendend im Schnecktempo und grafisch-schön dargestellt werden musste? Das ist ungefähr so, als würde man von einem Marathonläufer verlangen, auf Stöckelschuhen, smokingbekleidet und tangotanzend ins Ziel zu rennen. Er wird sich alles brechen. Genauso geht es vielen Jungen und Mädchen, die heutzutage Schreibenlernen.

Militärischer Drill und erniedrigende Strafen, die damals gesellschaftlich opportun waren, praktizierte man auch in der Schule. Da passte der „Schönschreibzwang“ als „Züchtigungsinstrument“ gut dazu. Dass Schreibenlernen heute noch „Schönschreiben“ genannt wird, sagt alles[1]. Jedenfalls war die Chance zur Ausbildung individueller Handschriften von Anfang an vertan. Keine einzige der im Laufe der Jahrhunderte erfolgten zahlreichen Überarbeitungen des lateinischen Schreibschrift-Alphabets, führte Erleichterung für die Schüler herbei. Im Gegenteil. Man schaue sich die VA (Vereinfachte Ausgangsschrift, seit 1973) und die zu verbindende Druckschrift (Grundschrift, seit 2011) an! Schreibschwäche, Schreibkrämpfe, Legasthenie und grafomotorische Schädigungen sind an der schulischen Tagesordnung. Neurobiologisch betrachtet, ein Desaster. Und für Kinder und Pädagogen gleichermaßen problematisch.

Lassen Sie mich bitte ergänzend noch darauf hinweisen: Den persönlichen Stil entwickeln bedeutet nicht „schreib wie du willst“! Das Vermitteln adäquater Schreibtechniken muss altersgemäß, ergonomisch und orthografisch richtig verstanden werden. Dies erfordert die Mithilfe von Lehrerinnen, die darin ausgebildet sind. Also eine seriöse, wissenschaftliche Lehre – ergo einen Lehrstuhl für Handschrifterwerb.

Fazit: Die lateinische LERN-SCHREIB-schrift ist Bewegungsschrift. Sie ist die einzige Schrift unter allen Schriften, die zum Verändern durch Kinderhände erdacht wurde. Dies ist die Basis der Handschrift – jeder Handschrift, in jeder Kultur, ob Arabisch, Chinesisch, Griechisch oder Lateinisch – wie seither in allen Weltsprachen. Ja: Unsere Ahnen kreierten vor fünfhundert Jahren eine Schulschrift, die auch heute noch in allen Weltsprachen Anwendung findet. Doch an keinem anderen Objekt macht sich das Ignorieren des Grundsatzes „Die Funktion bestimmt die Form“ („form follows function“) so desaströs bemerkbar, wie an unseren Schreibtechniken. Ob eine Handschrift gelingt oder nicht, entscheidet allein die Herangehensweise: tot oder lebendig? Langsam und lustlos oder lesbar und schnell. Sie haben die Wahl.

Denn aller Missverständnisse zum Trotz, boomt die Handschrift weltweit! Warum?

Die persönliche Handschrift garantiert Privatsphäre – der Computer das Gegenteil. Die internationale Schreibschrift, die sich seit vielen Generationen als zuverlässiges Denk- und Sprachwerkzeug bewährt, baut infolge der Digitalisierung ihren weltumspannenden Erfolg immer weiter aus.

Nicht allein die handschriftliche Alphabetisierung der Kinder, auch  der Computer macht diese einzigartige internationale Kommunikationstechnik unverzichtbar. Handschrift funktioniert schnell, individuell und weitestgehend datengeschützt.

Auf „gehobener Ebene“ und anderswo hat sich längst herumgesprochen: Wer die schnelle Schreibschrifttechnik beherrscht, ist Teil eines Verständigungsnetzwerks, das unauffällig und vertraulich weltweite Verbindungen knüpft. Digitalisierung und Globalisierung indizieren die Handschrifttechnik als absolutes MUSS für jeden zivilisierten Menschen und macht richtigen Grundschulunterricht wichtiger denn je. Kinder wünschen sich wenn sie in die Schule kommen, von ganzem Herze, bald schreiben zu können. Und sind maßlos enttäuscht, wenn das dort gar nicht stattfindet.

Ich wollte Ihre Fragen ausführlich beantworten und hoffe, es ist mir gelungen, Ihnen und Ihrem Kollegium auch die Logik dahinter zu vermitteln. Mir ist auch wichtig, zu erwähnen, dass niemand schuld ist an dem schulischen Desaster des Schreibunterrichts. Die Weichen wurden einfach falsch gestellt. Aber das lässt sich ja korrigieren. Wer die Eigenschaften der Handschrift – jeder Handschrift nämlich authentisch, spontan, individuell, emotional und asymmetrisch berücksichtigt, wird das Schreibenlernen der Kinder mit anderen Augen sehen, besser verstehen und mit wesentlich erfreulicheren Ergebnissen unterrichten können.

Schreiben lernen die Kinder richtig gern, wenn man Ihnen mit einer kindgerechten, leicht erlernbaren Didaktik entgegenkommt.

[1] Zur Information fachfremder Leser: Der irritierende, aber pädagogisch gebräuchliche Begriff „Schriftspracherwerb“ bezieht sich nicht auf Schreibenlernen und Handschrifterwerb, sondern ausschließlich auf Lesenlernen und Druckschrift verstehen

 

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